Warum der Teufel Comeback feiert

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Warum schüren immer mehr Menschen Angst vor dem Teufel und etwaigen Dämonen? Und warum sind „Befreiungsdienste“ und „Austreibungen“ vor allem mit psychischen Krankheiten oder bei queeren Personen problematisch?

Lasst uns darüber reden.

1.) Nur wenige glauben noch an den Teufel – offiziell zumindest

In Deutschland glaubt laut INSA-Umfrage aus 2022 im Auftrag der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA nur etwa jede sechste Person (17 %) daran, dass der Teufel wirklich existiert. Für viele wirkt die Vorstellung heute veraltet, irrational oder wie ein Relikt aus dem Mittelalter.

Selbst innerhalb der großen Kirchen ist der Glaube an einen personalen Teufel eher selten:

Evangelisch-landeskirchlich: 18 %.
Katholisch: 19 %.

Dafür ist der Glaube an einen personalen Teufel unter evangelisch-freikirchlichen Menschen umso größer:

39 % glauben an den Teufel.

Auffällig ist aber: Je höher der Bildungsstand, desto geringer ist allgemein (konfessionsübergreifend) der Teufelsglaube.

2.) Und trotzdem wird er gerade wieder laut

Vor allem in freikirchlich-evangelikalen und fundamentalistischen Kontexten erlebt der Teufel eine Art Wiederbelebung. Dort wird er nicht als Symbol verstanden, sondern als reale, handelnde Macht:

Ein gefallener Engel, der aktiv Menschen beeinflusst, verführt und schädigt.

Zweifel, Kritik oder ein Abweichen von der Lehre gelten hier schnell nicht als menschlich, sondern als geistlicher Angriff. Der Teufel dient als zentrales Erklärungsmuster für „falsches Verhalten“, Zweifel, Kritik oder Abweichung.

Die Botschaft:

  • Wer nicht an den Teufel glaubt, verkennt die geistliche Realität.
  • Zweifel = spirituelle Gefahr.

3.) Der Teufel liefert einfache Erklärungen

In vielen freikirchlich-evangelikalen und fundamentalistischen Narrativen ist der Teufel nicht nur Symbol, sondern ein aktiver Gegner. Und er ist vor allem eins: praktisch.

Er erklärt, warum Menschen leiden. Warum sie „falsch“ fühlen, denken oder handeln. Warum Menschen Leid oder Krankheit erleben. Warum Kritik gefährlich ist. Und warum Gehorsam Sicherheit verspricht.

Komplexe innere oder gesellschaftliche Probleme werden so auf eine klare Ursache reduziert: das Böse von außen.

Gläubige werden gewarnt, wachsam zu sein, sich zu unterordnen, nicht gegen Gott zu „spotten“ und nicht zu hinterfragen.

Angst ersetzt hier Selbstverantwortung und stärkt religiöse Machtstrukturen.

4.) In Krisenzeiten wird das Böse wieder persönlich

Laut Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer nimmt der Glaube an Dämonen und den Teufel besonders in unsicheren Zeiten zu. Wenn die Welt unübersichtlich wird und man Krisen, Unsicherheit und Kontrollverlust erlebt, wächst das Bedürfnis nach klaren Schuldigen.

Der Teufel wird dann zur Bewältigungsstrategie und Projektionsfläche. Er erklärt Krankheit, psychisches Leid, Traumata, Schicksalsschläge und gesellschaftliche Konflikte.

Der Teufel wird nicht „realer“, er entlastet öfter emotional.

5.) Exorzismus: kein Relikt, sondern Realität

Was viele nicht wissen:

Exorzismus ist in der katholischen Kirche bis heute offiziell verankert. Die Nachfrage nimmt seit Jahren zu.

Auch in evangelisch-freikirchlichen und fundamentalistischen Kontexten wird offensiver über „Befreiungsdienste“ und „Austreibungen“ gesprochen.

Problematisch wird es dort, wo psychisches Leid oder Traumata als „Besessenheit“ oder „Türöffner“ für den Teufel gedeutet werden.

Wo Betroffene eigentlich professionelle Hilfe und therapeutische Begleitung bräuchten, erleben sie stattdessen Schuld, Angst oder geistlichen/spirituellen Missbrauch.

6.) Der Teufel als Machtinstrument

Wo der Teufel real und allgegenwärtig gedacht wird, entsteht leicht Kontrolle: über Gedanken, Verhalten, Körper und Zweifel.

Wer widerspricht, riskiert, nicht nur „falsch“, sondern geistlich gefährdet zu sein. Angst ersetzt dann Selbstverantwortung.

7.) Fazit

Der Teufel feiert kein Comeback, weil er „realer“ wird, sondern weil er in unsicheren Zeiten eine einfache Antwort auf komplexe Fragen liefert.

Ein personalisiertes Böses fühlt sich oft leichter an als die Auseinandersetzung mit Trauma, Macht, Verantwortung und Realität. Der Teufel ist nützlich.


Quellen:

  • Deutschlandfunk Kultur: „Der Teufel erlebt einen Aufschwung“, 17.08.2025
  • IDEA: „Jeder Sechste glaubt an die Existenz des Teufels“, 22.03.2022
  • Titel-Grafik: Freepik
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