Wie mein Mann mir half, mich selbst aus einem toxischen Glauben & einer Sekte zu befreien
Eine persönliche Widmung an Thomas zu Beginn:
Mein Schatz, du hast mir geholfen, selbstbestimmt zu glauben und zu leben. Und dafür bin ich dir unendlich dankbar. Seit bald 5 Jahren gehen wir nun schon durchs Leben und auch wenn nicht jeder Tag leicht und angenehm war, so will ich dich und dein Herz niemals missen.
Danke, dass ich dich immer auf und an meiner Seite wissen darf! ❤️
Nun, zu unserer Geschichte:
Sommer 2021:
Ich lernte Thomas auf einer christlichen Online-Datingbörse kennen.
Er schrieb mich an, weil er begeistert war, dass ich (wie er) Animes und Jesus mag.
Ich mochte seine herzliche Art von Anfang an sehr. Wir kamen uns schnell näher, redeten viel und ich verliebte mich schließlich in ihn.
(Fun Fact: Er hat das damals gar nicht richtig bemerkt, weil er sich keine Hoffnungen machen wollte. )
Herbst 2021:
Relativ schnell wurde klar, dass wir zwar beide christlich waren – aber nicht dasselbe glaubten.
Ich war damals noch christliche Fundamentalistin und glaubte bspw., dass sich Frauen unterordnen müssen und Homos3xualität eine Sünde sei. Thomas als studierter Theologe hingegen glaubte an Gleichberechtigung von Mann & Frau und war für die Ehe für alle – auch in der Kirche.
Diese Unterschiede haben in mir starke Glaubenszweifel ausgelöst. Aber ich mochte Thomas sehr und habe ihm seinen Glauben abgenommen. Daher wurden wir ein Paar – trotz (oder vielleicht auch wegen) dieser Spannungen.
Ende 2021:
Die ersten Monate unserer Beziehung waren ehrlich gesagt ziemlich schwierig.
Ich hatte immer mehr Glaubenszweifel, aber gleichzeitig große Angst, vom „richtigen Glauben“ abzufallen und gegen Gott zu sündigen.
Ich begann, mich intensiv mit der Entstehung der Bibel auseinanderzusetzen und mit der Diskriminierung, die mit vielen meiner damaligen Überzeugungen einherging.
In der Öffentlichkeit und in meiner Freikirche habe ich darüber aber aus Angst lange geschwiegen.
Rückblickend hätten da eigentlich meine Alarmglocken schrillen müssen.
Ich hatte vorher immer alles über meinen Glauben geteilt und plötzlich hatte ich Angst, ehrlich zu sein.
Als ich mich mit Thomas’ Rückhalt schließlich doch auf Instagram öffnete und meine Zweifel öffentlich teilte, wurde genau das Realität, wovor ich Angst hatte: Ich wurde harsch angegangen und verletzt.
Anfang 2022:
Ich dekonstruierte weiterhin meinen Glauben und teilte meine daraus resultierenden Zweifel und neuen Erkenntnisse öffentlich. Leider wurde ich dafür auch zunehmend angefeindet und als Bedrohung oder „Irrlehrerin“ wahrgenommen.
Es kam schließlich zu geistlichem Missbrauch, online und in meiner Freikirche. (Mehr dazu in diesem Blogartikel.)
Man wollte mich mit allen Mitteln wieder „auf die richtige Bahn“ und zum Schweigen bringen.
Ich entwickelte dadurch eine schwere Depression und hatte zeitweise Suizidgedanken.
Aber Thomas blieb die ganze Zeit über an meiner Seite und war für mich da.
Er ist trotz der Entfernung (wir führten eine Fernbeziehung) immer wieder zu mir gefahren, hat zu jeder Tages- und Nachtzeit mit mir telefoniert und mir Hoffnung und Selbstwert zugesprochen.
Ich weiß ehrlich nicht, wie ich das ohne ihn geschafft hätte.
Frühling 2022:
Um mich selbst zu retten, verließ ich meine Freikirche und zog mich für ein halbes Jahr als Christfluencerin von Social Media zurück.
Mit Thomas’ Unterstützung begann ich in der Zeit, mein Leben und meinen Glauben neu zu sortieren.
Wir beschlossen, dass ich zu ihm nach BaWü ziehe, um Abstand zu dem Ort zu bekommen, an dem ich traumatisiert wurde.
Gleichzeitig waren da aber noch meine alten Ängste, gegen Gott zu sündigen:
Ich konnte mir nicht vorstellen, vor der Ehe mit ihm zusammenzuziehen, aber alleine hätte ich mir keine Wohnung leisten können.
Also machte Thomas mir einen Antrag.
Nicht, weil alles perfekt war, sondern weil es für uns in dieser Situation der einzige Weg war.
Sommer 2022:
Die nachfolgende Zeit war geprägt von Heilung, aber auch von Chaos, Überforderung und ganz vielen offenen Fragen.
Ich habe angefangen, alles zu hinterfragen und mein komplettes Weltbild neu aufzubauen.
Durch den Umzug und unsere Hochzeit ging es mir ganz langsam psychisch besser.
2022 / 2023:
Nach unserer Hochzeit kehrte ich wieder auf Social Media zurück und begann eine Stelle als Online-Missionarin in einer evangelikalen Missionsorganisation.
Rückblickend betrachtet war das leider ein großer Fehler.
Viele Probleme, die ich vorher erlebt hatte, waren nicht nur Einzelfälle, sondern strukturell bedingt durch gewisse evangelikale/fundamentalistische Überzeugungen.
Aber das konnte ich damals noch nicht richtig sehen, weil ich immer noch im People-Pleasing-Modus war und versuchte, Brücken zwischen Fundamentalist:innen & Progressiven zu bauen und eine „gute Christin“ zu sein.
Sommer 2023:
Als ich mich öffentlich auf meinem Christfluencerin-Profil als Ally für die queere Community outete, kam es erneut zu starken Anfeindungen. Durch diese Retraumatisierung rutschte ich wieder in eine Depression.
Auch für Thomas war diese Zeit extrem herausfordernd.
2023 / 2024:
Wir feierten unsere kirchliche Hochzeit, die wir im Jahr zuvor nicht gefeiert haben, da wir hofften, dass ich in 2023 depressionsfrei sein würde.
Außerdem ließen wir nun endgültig toxische, kirchliche Strukturen hinter uns und haben unser Leben neu aufgebaut.
Heute (2026):
Die letzten Jahre haben uns alles abverlangt, aber sie haben uns auch gezeigt, wer wir wirklich sind und wie wir leben wollen.
Nämlich ohne diesen toxischen Glauben. Dafür mit mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und einer neuen Art zu glauben und zu leben. ♥
Titelfoto: Nora Rahel Fotografie (Unbezahlte Werbung)









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